Über das Rabbinerhaus

Das Rabbinerhaus erfüllte in seiner jahrhundertelangen Geschichte viele Funktionen:

  • als Haus, in dem Rabbiner wohnten,
  • als Alltagssynagoge,
  • als Gemeindehaus,
  • als Wohnort für Lehrer oder andere Mitglieder der jüdischen Gemeinde Gelnhausens,
  • als Zufluchtsort für verfolgte Jüdinnen und Juden während des Nationalsozialismus,
  • nach dem Krieg als Wohnhaus ohne Zusammenhang zur Synagoge oder zum Gesamtensemble um die Synagoge.
Bestandszeichnung Ehemaliges Synagogen-Ensemble März 1974
Bauzeichnung Ehemaliges Synagogen-Ensemble März 1974
Bauzeichnung Ehemaliges Synagogen-Ensemble März 1974

Die aktuelle stadtpolitische Bedeutung

Das Rabbinerhaus in der Brentanostraße 12, früher Judengasse, ist in der Denkmalschutzliste des Landes Hessen aufgeführt als Fachwerkhaus aus dem 18. Jahrhundert. Es gehört zu einem Ensemble, das bis in die 1970er Jahre aus Synagoge, Schulhaus, Mikwe und dem Rabbinerhaus, umschlossen von der Immunitätsmauer bestand. In den 70er Jahren wurden Schulhaus und Immunitätsmauer abgerissen, um einem geplanten Parkplatz zu weichen. Die Synagoge sollte in eine Lehrlingswerkstatt für Automechaniker umgewandelt werden, das Rabbinerhaus war zu einem normalen Wohnhaus geworden. Glücklicherweise intervenierte der Denkmalschutz und mit ihm das Land Hessen. Die Synagoge wurde mit Mitteln des Landes zu einem Veranstaltungshaus umgewandelt, die Federführung für mögliche Veranstaltungen übernahm die Stadt Gelnhausen. Über die Mikwe wurde ein Betondeckel gelegt, das Rabbinerhaus blieb Wohnhaus und passte sich der Häuserzeile in der Brentanostraße an.
Nach dem Auszug der dort wohnenden Familie stand das Haus 2001 zum Verkauf und wurde auf dem Immobilienmarkt angeboten. Der Besitzer der Häuserzeile neben dem Rabbinerhaus bekundete sein Interesse, die Stadt nutzte jedoch ihr Vorkaufsrecht und kaufte es ihrerseits.
Während der Corona-Pandemie passierte vier Jahre lang nichts. Es stand leer.
2024 sollte es wieder verkauft werden, der damalige Interessent wollte es erneut erwerben.
Durch die Aufmerksamkeit Gelnhäuser Bürgerinnen und Bürger wurde dies jedoch publik.
Die Stadtverordnetenversammlung beschloss daraufhin zunächst ein Moratorium in den Verkaufsverhandlungen und dann, dass der „Förderverein Rabbinerhaus Gelnhausen e.V.“, zu dem die lose Interessengemeinschaft Gelnhäuser Bürgerinnen und Bürger sich inzwischen zusammengeschlossen hatte, gemeinsam mit der Stadtverwaltung eine Konzeption sowohl inhaltlicher wie finanzieller Art entwickeln solle. Als Frist für dieses Vorhaben wurde Ende 2025 gesetzt.

Die Jüdische Gemeinde Gelnhausen

Die jüdische Gemeinde in Gelnhausen zählt zu den älteren in Deutschland. Schon 1241, unter Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen, werden die Schutzgelder der Gelnhäuser Juden in dem Wetterauer Städtebund erwähnt, zu dem neben Frankfurt, Friedberg und Wetzlar auch die Reichsstadt Gelnhausen gehörte. Als Kammerknechte des Kaisers standen die Juden unter des Reiches besonderem Schutz, wofür sie dem Kaiser bestimmte Abgaben zu zahlen hatten. Wegen dieser Einnahmen verpfändeten diese häufig ihre Judenschaft – so Kaiser Rudolf die Gelnhäuser Juden im Jahre 1290 an den Edlen Ulrich von Hanau.
Auch für die Erlaubnis, eine Synagoge zu haben, ‘Schul’ zu halten, mussten die Gelnhäuser Juden jährlich einen Zins zahlen, der 1337 als Reichslehen den Freiherrn Forstmeister von Gelnhausen gegeben war.
Für die Zeit um 1360 wird ein Rabbi Jakob von Gelnhausen erwähnt, dessen Lieddichtung Generationen später, im Jahre 1517, Menachem Oldendorf zu Frankfurt aufschrieb und so der Nachwelt erhielt. Die Gelnhäuser Judengemeinde war im Pestjahr 1348 vollkommen ausgelöscht worden, und in der Heimatstadt Rabbi Jakobs ließen sich erst Jahrzehnte später wieder Juden nieder.
Im Jahre 1601 baute die jüdische Gemeinde ihre Synagoge auf dem heutigen Grundstück, wie die Inschrift auf dem Hochzeitsstein neben dem Eingang zur Männersynagoge ausweist, den man nach der Zerstörung in nationalsozialistischer Zeit vor zwei Jahren nachgebildet und wieder in das Mauerwerk eingefügt hat.
Die Zahl der in Gelnhausen lebenden Juden nahm nach dem Dreißigjährigen Krieg wieder langsam zu. Ihre Synagoge war in den Kriegswirren so stark beschädigt worden, dass der Vorstand der damals kleinen Gemeinde aus fünf Familien im Jahre 1656 beim Rat der Stadt um Genehmigung für die Wiederherstellung bitten musste, die dann auch gegen Bezahlung von 50 Talern gewährt wurde.
In den folgenden Jahrzehnten des allgemeinen Wiederaufbaus siedelten mehr und mehr Juden sich in der Stadt und Burg Gelnhausen und in Altenhaßlau an. Sie hatten an dem sich allgemein mehrenden Wohlstand durch Vermittlung von Geld- und Handelsgeschäften ihren Anteil. Der nächste wieder namentlich bekannte Rabbiner in dieser Zeit ist Rabbi Chanoch Henoch, der vier Jahrzehnte lang in Gelnhausen tätig war, und 1741 auf dem Friedhof auf dem Escher beerdigt wurde. Er war ein Gelehrter, der von weither aufgesucht wurde. Zwei seiner religiösen Traktate sind überliefert. 1711 begründete die Gemeinde die beiden Beerdigungsvereine Gemiluth Chassodim und Kabronim. Und 1736 erteilte der Rat der Stadt die Genehmigung zur “Erneuer- und Erweitherung ihrer allhier habenden Synagog”, die damals im wesentlichen so aufgeführt wurde, wie sie seit 1986 Jahr renoviert in der Brentanostraße zu sehen ist.
Im Geschossbuch von 1750 werden neben der Synagoge zwei gemeindeeigene Häuser genannt: In dem einen wohnte der Rabbiner, in dem anderen der ‘Schulklepper’. Die jüdische Gemeinde hatte damals also, wahrscheinlich aber auch schon früher, zwei Kultusbediente. Der ‘Schulklepper’ ging frühmorgens von Judenhaus zu Judenhaus und klopfte an die Tür, um die Männer zum Frühgebet in der Synagoge zu wecken, und er war auch als Vorsänger tätig.

(leicht verändert aus: Festschrift Ehemalige Synagoge Gelnhausen – Widmung als kulturelle Begegnungsstätte, 1986)

Die Gelnhäuser Jüdische Gemeinde war auch aus einem anderen Grund nicht irgendeine. Die Verbindung zu Frankfurt war intensiv, so suchten viele jüdische Familien während und nach dem „Fettmilchaufstand“ (1614) Zuflucht in Gelnhausen und siedelten sich hier an. Genauso gab es den umgekehrten Weg, nämlich zur Zeit des Nationalsozialismus, als die von der Bürgerschaft Gelnhausens verfolgten und bedrohten jüdischen Familien ihre Häuser verließen und mit dem Nötigsten in die Großstadt flohen, in der Hoffnung in der Anonymität einen Fluchtweg finden zu können.

Die Rabbiner

Wesentlich für die überregionale Bedeutung war aber das Wirken der dort ansässigen Rabbiner. Henoch Ben Jehuda Löb, der schon oben erwähnt wurde, Hirsch Levi Kunreuther und Samuel Warburg.

Insbesondere um Samuel Warburg ranken sich viele Mythen.

Bericht aus dem Leben des Hochwürdigen Rabbi Samuel Ben Yehudo aus Warburg

von Richard Scheuer

 

Neben großen Rabbinern mit gutem Namen in Israel, die in unserer altehrwürdigen Gemeinde gelebt und amtiert haben, tritt nicht zuletzt der Name des hier bei Juden und Nichtjuden hochgeachteten Rabbi Samuel Ben Yehudo hervor, der sich den Namen Warburg zulegte, nach der Stadt seiner Herkunft.
Rabbi Samuel, mit großer Klugheit und vielen Geistesgaben ausgerüstet, wandte sich der Kabbala zu. Und wie wir wissen, drang die ungeheure Geistigkeit dieses Asketen – er fastete Tag für Tag in der Woche, und wohl nur am heiligen Sabbat unterbrach er es – weit vor auf diesem Gebiet jüdischen Geistes.
Seine Kenntnisse in der Kabbala scheinen es auch bewirkt zu haben, dass man ihm den Gelnhäuser Rabbinatsstuhl anbot. Wie der Geschichtsschreiber unserer Gemeinde, der verewigte Herr Lehrer Meyer Strauß s. A., annimmt, machte sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts in der Pflege der jüdischen Wissenschaft in Gelnhausen ein Umschwung geltend. So schreibt er in der Festschrift zum 200. Jubiläum der beiden Vereine Chevrot Gemiluth chasodim und Chevrot Kabronim wörtlich: „Vielleicht möchte die Nähe des in Offenbach residierenden ‘Baron Frank’ mit seinem falschen Messiaskultus das ihrige dazu getan haben – man neigte sich hier mehr der Kabbalistik zu, und hatte in dem Rabbiner Samuel aus Warburg einen hervorragenden Vertreter dieser Richtung gewonnen.”
Rabbi Samuel war der indirekte Nachfolger des berühmten Gaons Chanoch Henoch, Sohn des Gaon Yehuda Loeb, der im Jahre 1741 hier verstarb.
Unser Rabbi Samuel, der mit der Tochter des Hanauer Gaons Rabbi Benjamin, namens Hanle verheiratet war, ist auch literarisch hervorgetreten und hat sich auch dadurch wie unsere an- dere große Rabbiner einen Namen gemacht. Ein literarisches Produkt von ihm ist ‘Sichrontov’, Kommentar zu Rosh Hasho- noh.
Doch sind in unserer Gemeinde seine als Wundertaten erscheinenden besonderen Leistungen am engsten mit seinem Namen verknüpft, die er aufgrund seiner Kabbalakenntnisse vollbrachte. Am bekanntesten ist uns der Bericht über die Kosakenvertreibung mittels eines Wunderstabes im zweiten Dezennium des 19. Jahrhunderts.
Einstmals – so erzählte uns ein altes Mitglied, Herr Julius Lorsch, dessen Vorfahren für Jahrhunderte hier lebten, – soll es im Nordende der Stadt gebrannt haben, viele Häuser der Holzgasse waren schon ein Raub der Flammen geworden, und noch immer dehnte sich das gierige Feuer aus, da soll man, als man sich wahrscheinlich keinen anderen Rat mehr wusste, Rabbi Samuel geholt haben, der auch mit seinem Schemoth enthaltenden Stab erschien, und das Feuer soll nachgelassen haben.
Rabbi Samuel starb aufrechtstehend in der Synagoge und soll auch so begraben worden sein. Sein Platz in der Synagoge war durch eine Tafel mit Inschrift gekennzeichnet.
Das Archiv unserer Gemeinde soll Getbriefe (Scheidungsbriefe) enthalten haben, die von Rabbiner Samuel Ben Yehudo Warburg unterzeichnet waren. Außerdem war die Gemeinde im Besitz einer Sefer Thora, die den Namen Schmul Warburg trug, die vielleicht, wie wir annehmen dürfen, von ihm selbst geschrieben worden war und die Künderin der großen Zeit unserer Gemeinde war. Leider war dieses hehre Andenken an die heilige Persönlichkeit zur Thoravorlesung zuletzt nicht mehr benutzbar, da das Sefer nicht mehr den religiösen Ansprüchen genügte. Die zuletzt stark zusammengeschrumpfte Gemeinde verfügte nicht über das Geld, sie wiederherstellen zu lassen.
So stand das Andenken Rabbi Samuels groß da in unserer Gemeinde, und gar mancher verweilte schon an seiner Grabstätte, die sich auf dem Ehrenhügel inmitten der anderen großen Rabbinen unserer Gemeinde befindet, auf dem mehrere Jahrhunderte alten Friedhof.

Quelle: Festschrift Ehemalige Synagoge Gelnhausen – Widmung als kulturelle Begegnungsstätte, 1986

Sein Lebenslaufist zu finden unter: https://www.geni.com/people/Samuel-Warburg/6000000027895094992

Die Alltagssynagoge

Die Rabbiner empfingen in ihrem Haus Talmud-Schüler, die sie dort für das Studium präparierten. Zudem wurde das Haus als Alltagssynagoge genutzt.
Eine Alltagssynagoge wurde zu Gottesdiensten außerhalb der großen Synagoge benutzt, zum Beispiel wenn nicht genügend Gläubige sich versammelten, wenn ein unvorhergesehener Umstand eintrat oder wenn ein alltäglicher Gottesdienst begangen wurde.

Das Wohnhaus

Nach dem Tod des letzten Rabbiners (1847) wurde es von Lehrern oder dem Gemeindevorstand bewohnt. Mit dem erzwungenen Verkauf der Synagoge 1938 und der damit verbundenen Zerschlagung des gesamten Ensembles als Zentrum des jüdischen Gemeindelebens wurde das Rabbinerhaus ein privates Wohnhaus. Zuletzt wohnte dort eine italienischstämmige Familie.
Es ist zu vermuten, dass in den letzten Jahren der Verfolgung bis 1938 Jüdinnen und Juden Unterschlupf fanden, die aus ihren eigenen Wohnungen vertrieben worden waren oder „auf gepackten Koffern saßen“ oder einfach nicht mehr weiterwussten. Von dort wurden sie manchmal auf andere Häuser in der Nachbarschaft verteilt, von denen man wusste, dass sich dort Juden verstecken konnten. Dies ging immer nur für eine sehr kurze Zeit.